Medizinalrat Dr. Ernst Albert Zeller (1804-1877)

Erster Ärztlicher Direktor (1835-1877)

Von Albert Zeller wird berichtet, dass er ein beeindruckender und wirksamer Therapeut gewesen sei. Geprägt von den Lehren seines Professors, dem bedeutenden Kliniker und Haupt der alten Tübinger Psychiaterschule, J.H.F. Authenrieth, schreibt er 1824 in sein Studententagebuch: „Die erste und wichtigste Erkenntnis bleibt die des eigenen Ichs“. Als Therapeut wird die Individualisierung der Patienten sein Ziel.

Mit seiner Überzeugung, dass der Geisteskranke Anspruch auf Fürsorge, Pflege und Mitleid hat, war Dr. Albert Zeller ein früher Vertreter dieser Gedanken. Er trat sein Amt in Winnenden an, mit einer Idealvorstellung von einer psychiatrischen Anstalt, wie er sie auf seinen Reisen z.B. in England vorgefunden hatte. Dazu gehörte eine schöne, gesunde Umgebung, in der ein menschlicher Geist herrscht, ebenso wie seine Überzeugung, dass frisch Erkrankte und chronisch Kranke einer getrennten Versorgung bedürfen. Er trat daher stets für eine Trennung von Heil- und Pflegeanstalt ein.

Seiner christlich humanistischen Grundeinstellung folgend suchte Albert Zeller das Gespräch mit dem Patienten. Seine große Leistung war die „Nosologie“, mit der er die Gegensätze von Psychikern und Somatikern vereinigte und den Zustandsbilderkatalog auf vier Hauptformen vereinheitlichte:

Schwermut (Depression), Tollheit (Manie), Verrücktheit (Psychose) und Blödsinn (Demenz).

Er entwarf Therapien, auf deren Grundlagen heute noch gearbeitet wird, wie Arbeitstherapie, Gruppentherapie und soziale Einbindung.

Mehr zu Zellers Therapien

Mehr zu Zellers Therapien

Zeller entwarf Therapien, mit denen heute noch gearbeitet wird, wie Arbeitstherapie, Gruppentherapie und soziale Einbindung. Die Patienten waren in die Selbstversorgung der Heilanstalt einbezogen. Sei es in der „Kolonie“ bei der landwirtschaftlichen Arbeit oder in den Werkstätten wie Schreinerei, Malerei, Schuhmacherwerkstatt oder Stuhlflechterei. Auch in der Küche, Reinigungsdienst und der Wäscherei sowie Näherei halfen Patienten mit – sofern sie nicht in der 1. Klasse untergebracht waren.

Es gab einen genauen Tagesplan, der gehalten werden musste. Zu Zeiten Zellers war der Tag anhand der christlichen Traditionen mit Andachten untergliedert. Ein Tagesplan aus dieser Zeit verdeutlicht dies.

Dokumente aus dieser Zeit:
Tagesplan im Winter und Anmerkungen dazu

Im Jahr 1840 sind alle 100 Betten der Anstalt belegt. Als die Belegung 1868 um weitere 50 Prozent gestiegen ist, führt Zeller im Pflegebereich Nachtwachen ein.

Nachtwachen

Nachtwachen

Zeller führte im Pflegebereich Nachtwachen ein für die u. a. die folgende Vorgabe galt:
„Die Oberwärterin wird ferner angewiesen, dem Direktor der Anstalt jeden Morgen nach der heiligen Messe Rapport zu erstatten über alles das was sich am vorigen Tage und in der Nacht zugetragen hat, deshalb hat sie auch hinwieder in der Nacht und unvermutet die Weiblichen Abteilungen genau zu visitieren und wahrgenommene Fehler entweder gleich abzustellen oder auch in der Nacht dem Direktor die Anzeige davon zu machen, wenn etwas bedeutendes fehlen sollte.“

Dokumente zum Thema:
Dienstanweisung für den Nachtwachdienst 1903

Er legte den Tagesablauf der Patienten durch Wochenpläne fest. Seiner Auffassung nach „beeinflusst die äußere Ordnung die innere Ordnung“.

Alltag der Patienten um 1870

Alltag der Patienten um 1870

Der Alltag der Patienten war von den Vorstellungen ihres Direktors geprägt. Für Dr. Zeller war die Anstalt eine große Familie, in der der Tagesablauf jedes Einzelnen streng geregelt war. Immer wieder sprach Zeller von der „Zauberkraft der Wahrheit und der vernünftigen Form des Ganzen, von der vernünftigen Ordnung der geistigen Persönlichkeit, Beruhigung und Belehrung des Gemüts sowie einer ernsten und liebevollen Erinnerung an die eigene Vernunft.“ Selbstbeherrschung und eine vernünftige Tätigkeit frei von Leidenschaften, Verstimmungen und Verwirrungen der Seele standen im Vordergrund seines Umgangs mit den Kranken. Die Patienten waren verpflichtet, morgens früh aufzustehen und nach der Morgentoilette ihr Zimmer in Ordnung zu bringen. Nach Morgenandacht und Frühstück folgte ein reiches Beschäftigungsprogramm, dem sich kein Patient entziehen durfte. Ein Großteil der Patienten arbeitete in den Versorgungseinrichtungen des Hauses wie Werkstätten, Küche, Bügelstube, Gärtnerei etc. In den Abendstunden und an Feiertagen diente ein reiches Angebot der Erheiterung und Ergötzung der Patienten, bestehend aus musikalischen Vorträgen, Gesprächen, Spielen, Handarbeiten und Lektüre.

So schreibt ein Besucher 1840: „Nur der kleinste Teil der Frauen ist unbeschäftigt. Unkraut zupfen, Gartenarbeit, Wäsche waschen, sortieren und falten, Beete nach eigenen Ideen gestalten sind die Tätigkeiten der Frauen. Alle zwei oder drei Wochen Ausflüge mit Kräutersammeln, Kochen und Backen kommen hinzu. Singen, Lesen, Erzählen und Gedichte lernen füllen die verbleibende Freizeit aus.
Die Männer arbeiten im Garten, in der Schreinerei, spalten und transportieren Holz. In ihrer Freizeit lesen sie Gedichte, widmen sich dem Studium der Naturwissenschaften, schreiben Aufsätze und Briefe. Auch arbeiten sie, soweit möglich, in ihrem eigenen Beruf.“
Dem Umgang miteinander wurde von Zeller sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet. Er sollte „sittsam, friedlich, hilfreich und dienstwillig“ sein. Alles „Zanken, Fluchen und Schelten“ wurde strengstens verboten.
Um 22 Uhr wurden von allen dazu bestimmten Wärtern die Lichter gelöscht.
Aber Zeller legte großen Wert auf die somatische Behandlung seiner Patienten. Körperliche Begleiterscheinungen und Gebrechen wurden sorgfältig diagnostiziert und behandelt. Einer sinnvoll abgestimmten Ernährung wurde große Bedeutung zugemessen. Verdauung, Ausscheidungen und Beschaffenheit der Haut wurden aufmerksam beobachtet.
Für Zeller war der Nutzen „aktiver Gymnastikübungen und Arbeit“ groß, dabei scheute sich Zeller nicht, an den Spaziergängen und gymnastischen Übungen selbst teilzunehmen, mit Patienten zu wandern und lange Gespräche zu führen.
Gehobene Patienten genossen nicht selten das Privileg, an Zellers Mittagstisch teilzunehmen.
Hygiene und ein reiches Bäderprogramm von Begießungen, Duschen sowie warmen und kalten Bädern ergänzten die therapeutischen Maßnahmen.
Dank Zellers Einstellung und Organisationstalent wurde Winnenthal zu einer Mustereinrichtung im In- und Ausland.

Dr. Zeller arbeitete bis zu seinem Tod im Jahre 1877 als Leiter der Heilanstalt. Sein Sohn Ernst Zeller übernahm sein Amt.

Bücher zum Thema

Bücher zum Thema

Albert Zeller und die Psychiatrie Württembergs im 19. Jahrhundert
Hrsg. von Thomas Müller, Bodo Rüdenburg und Martin Rexer
Am Beispiel des Lebenswerks von Albert Zeller, seinen wissenschaftlichen Reisen und seinen Beziehungen zu Kollegen und Patienten wird die zunehmende Bedeutung des Wissenstransfers im 19. Jahrhundert für die europäische Psychiatrie beleuchtet. Illustriert werden die Texte mit dem reichhaltigen Material einer Ausstellung, die das viel beachtete Wirken von Albert Zeller in der ersten württembergischen Heilanstalt Winnenthal darstellt.
125 Seiten, 23 Abbildungen, fester Einband
ISBN 3-931200-16-9 EUR 17,80

Albert Zellers medizinisches Tagebuch der psychiatrischen Reise durch Deutschland, England, Frankreich und nach Prag von 1832 bis 1833
Hrsg. von Gerhart Zeller
Band 1: Reisetagbuch, Band 2: Erläuterungen
Albert Zeller, einer der wenigen großen Psychiater, die Süddeutschland hervorgebracht hat, besuchte von Februar 1832 bis April 1833 die vorbildlichsten Anstalten für Geisteskranke in Europa. Er sollte die fortschrittlichsten Kenntnisse und Errungenschaften für den Aufbau der ersten reinen Heilanstalt im Königreich Württemberg nutzen. Nachts, oft allein in unwirtlichen Gasträumen, hat er seine Erlebnisse und Einblicke notiert und geistreich und spannend kommentiert.
414 Seiten, zahlr. meist farbige Abbildungen
ISBN 978-3-931200-15-2 EUR 27,80

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