Menschen, die selbst psychische Krisen erlebt haben, können für andere Betroffene zu wichtigen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern werden. Das ZfP Klinikum Schloß Winnenden unterstützt dieses besondere Erfahrungswissen erneut mit zwei Stipendien für die EX-IN-Qualifizierung zur Genesungsbegleiterin beziehungsweise zum Genesungsbegleiter. Sie bringen eine Perspektive in die psychiatrische Behandlung ein, die sich nicht aus Lehrbüchern vermitteln lässt: die eigene Erkrankungs- und Genesungserfahrung. Als Teil multiprofessioneller Teams unterstützen sie Menschen mit psychischen Erkrankungen unter anderem durch persönliche Gespräche, Gruppenangebote und alltagsnahe Begleitung auf ihrem individuellen Weg der Genesung.
„Genesungsbegleiterinnen und Genesungsbegleiter bringen etwas in unsere Behandlung ein, das niemand lernen kann: echtes, tiefes Verstehen. Sie machen aus eigenen Krisenerfahrungen wertvolles Erfahrungswissen für andere Menschen und zeigen, dass ein gutes Leben trotz und mit einer psychischen Erkrankung möglich ist. Mit ihrem Mut und ihrer Offenheit tragen sie dazu bei, unsere Psychiatrie partizipativer und nahbarer zu gestalten“, sagt Pflegedirektor Klaus Kaiser bei der feierlichen Übergabe der Stipendien.
Grundlage der Genesungsbegleitung ist das Recovery-Modell, das die individuellen Stärken, Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen mit psychischen Erkrankungen in den Mittelpunkt stellt. Ziel ist es, Betroffene auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten und erfüllten Leben zu unterstützen.
Die rund einjährige EX-IN-Qualifizierung erfolgt in Kooperation mit der Offenen Herberge e. V. in Stuttgart und verbindet theoretische Ausbildungsinhalte mit praktischen Einsätzen in der psychiatrischen Versorgung. Die Teilnehmenden setzen sich intensiv mit ihrer eigenen Genesungsgeschichte auseinander und lernen zumeist voneinander, ihre Erfahrungen professionell und reflektiert in die Begleitung anderer Betroffener einzubringen. Das ZfP fördert die EX-IN-Qualifizierung seit vielen Jahren durch Stipendien und Praktikumsplätze und baut den Einsatz kontinuierlich weiter aus. Aktuell sind zehn Genesungsbegleiterinnen und Genesungsbegleiter an den Standorten Winnenden, Schwäbisch Gmünd und Ellwangen tätig. Seit 2025 stärkt zudem die neue Stabsstelle „Koordination Genesungsbegleitung“ die strukturelle Verankerung der Peer-Arbeit.
„Ich freue mich immer wieder darüber, wie viele Menschen den Mut aufbringen, ihre eigenen Erfahrungen für andere Menschen einzusetzen. Genesungsbegleiterinnen und Genesungsbegleiter können dabei Brücken zu mehr Verständnis bauen. Zwar wächst das gesellschaftliche Bewusstsein für psychische Erkrankungen, dennoch erleben insbesondere Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wie Psychosen und Schizophrenie weiterhin Ausgrenzung und Stigmatisierung. Hier gilt es, Hemmschwellen weiter abzubauen“, sagt Franziska Nopper, Gründungsmitglied und Geschäftsführerin der Offenen Herberge e. V. in Stuttgart.
Wie wertvoll dieses Erfahrungswissen für andere Betroffene sein kann, zeigen auch die persönlichen Beweggründe der beiden Stipendiaten.
„Es ist eine meiner Stärken, Menschen, denen es schlecht geht, ein gutes Gefühl zu geben und ihnen Mut zu machen. Die gesellschaftlichen Herausforderungen nehmen zu und damit auch psychische Belastungen und Erkrankungen. Hier möchte ich helfen und meine Erfahrungen für andere Menschen einbringen“, sagt die angehende Genesungsbegleiterin Yvonne Sauter.
Auch der angehende Genesungsbegleiter Luca Matteo Balzano sieht in der gegenseitigen Unterstützung einen wichtigen gesellschaftlichen Auftrag: „Wir sind keine Maschinen. Der Sinn einer Gesellschaft ist es, füreinander da zu sein, sich gegenseitig zu unterstützen und zu helfen. Jeder Mensch kann psychisch erkranken. Genau deshalb ist es wichtig, Menschen in Krisen zu begleiten und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.“
Genesungsbegleitung bedeutet dabei weit mehr als die Begleitung in einer akuten Krise. Im Mittelpunkt steht der gemeinsame Blick auf die Stärken, Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten jedes einzelnen Menschen.
„See the good - das Gute ist in der Welt, wir müssen manchmal nur den Fokus verändern. Genau das ist die Aufgabe der Genesungsbegleitung. Wir schauen nicht zuerst auf Defizite, sondern gemeinsam auf die Stärken und Möglichkeiten der Menschen. Hilfe zur Selbsthilfe im Alltag kann dabei ganz unterschiedlich aussehen und jeder Genesungsbegleiter und jede Genesungsbegleiterin bringt die ganz eigene Superkraft mit“, sagt Matthias Zellmer, Leiter der Stabsstelle „Koordination Genesungsbegleitung“ am ZfP.

