„Depression im Alter ist kein normaler Bestandteil des Älterwerdens“

Psychiatrie Talk des ZfP in Schwäbisch Gmünd beleuchtet ein oft übersehenes Krankheitsbild. Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter und werden dennoch oft spät erkannt.

 

Rund 130 Besucherinnen und Besucher kamen am 21. Mai zum Psychiatrie Talk des ZfP Klinikum Schloß Winnenden ins Congress-Centrum Stadtgarten nach Schwäbisch Gmünd. Dort sprach Andreas Raether, Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie, über Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten von Depressionen im Alter.

Bis zu 15 Prozent älterer Menschen sind laut Raether betroffen. Die Erkrankung gehe „an die Existenz, den Selbstwert und die Selbstliebe des Menschen“. Viele Betroffene fühlten sich unverstanden und zögen sich zurück. Im höheren Lebensalter zeigten sich Depressionen häufig anders als bei jüngeren Menschen. Körperliche Beschwerden, Schmerzen, innere Unruhe, Schlafstörungen, Ängste oder Vergesslichkeit stünden oft stärker im Vordergrund. Dadurch werde die Erkrankung oftmals mit normalen Alterungsprozessen verwechselt.

Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auch auf der Unterscheidung zwischen Depression und Demenz. Vergesslichkeit könne bei beiden Krankheitsbildern auftreten, erklärte Raether. Während Konzentrations- und Gedächtnisstörungen bei Depressionen oft vergleichsweise plötzlich auftreten und sich unter erfolgreicher Behandlung wieder bessern können, entwickeln sich demenzielle Erkrankungen meist schleichend über einen längeren Zeitraum.

Darüber hinaus ging Raether auf zahlreiche Risikofaktoren ein. Dazu zählen körperliche Erkrankungen, chronische Schmerzen, Schlafstörungen, soziale Isolation, Verlusterfahrungen, Pflegebedürftigkeit oder belastende Lebensübergänge wie der Eintritt in den Ruhestand. Auch Medikamente könnten depressive Symptome begünstigen oder verstärken. Häufig wirkten körperliche, psychische und soziale Belastungen zusammen.

Offen sprach Raether auch über das Thema Suizidalität im Alter. Gefühle von Einsamkeit, Sinnlosigkeit und Kraftlosigkeit könnten sich im Rahmen einer Depression massiv verstärken. Besonders auffällig sei dabei die Entwicklung bei älteren Männern: Während die Suizidraten bei Frauen im Lebensverlauf vergleichsweise stabil bleiben, steigen sie bei Männern ab etwa dem 65. Lebensjahr deutlich an.

Neben medizinischen und psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten stellte er auch unterstützende Faktoren im Alltag vor. Bewegung, soziale Kontakte, regelmäßige Tagesstrukturen, ausreichend Schlaf sowie Aktivitäten, die Freude und Sinn vermitteln, könnten eine wichtige stabilisierende Wirkung entfalten. Besonders hob er die Bedeutung von Neugier, sozialer Verbundenheit und Selbstfürsorge hervor.

„Depression im Alter ist kein normaler Bestandteil des Älterwerdens“, betonte Raether abschließend. „Sie ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, aber sie ist gut behandelbar.“

Wer depressive Symptome bei sich oder Angehörigen wahrnimmt, sollte sich zunächst an die Hausärztin oder den Hausarzt wenden. In akuten Krisensituationen sollte umgehend medizinische Hilfe über den Notruf 112 in Anspruch genommen werden. Weitere Anlaufstellen sind Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie psychotherapeutische Angebote. Auch die Psychiatrische Institutsambulanz und die tagesklinischen Angebote des ZfP können Betroffene unterstützen. 

Nächster Psychiatrie Talk: Thema Demenz 

Der nächste Psychiatrie Talk im Ostalbkreis findet am Donnerstag, 23. Juli 2026, um 18 Uhr zum Thema „Demenz: frühzeitig erkennen und handeln“ statt – ebenfalls im Congress-Centrum im Stadtgarten Schwäbisch Gmünd. Referent ist erneut Chefarzt Andreas Raether.