Die Zeit ab 1930 bis 1950

Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten beeinflusste selbst Kleinigkeiten des täglichen Lebens. Schriftverkehr und Grußformeln mussten umgestellt werden. Die Jugend wurde umworben in die Jugendorganisationen zu kommen mit dem Ziel diese dort in die gewünschte politische Richtung zu führen.

Psychisch Kranke im Fokus der Nationalsozialisten

Die nationalsozialistische Ideologie im Umgang mit behinderten Menschen bediente sich religiösanthropologischer Vorstellungen, wie etwa der Degenerationstheorie des französischen Psychiaters Augustin Morell aus dem 19. Jahrhundert.

Der Arzt Martin Eitel Müller (ehem. Stv. Ärztl. Direktor in Klinikum) fasst in seinem Aufsatz „Euthanasie und Sterilisation in Winnental 1933-1945“ zusammen: „Aus Sicht der arischen Volksgemeinschaft war das Leben von so genannten Gemeinschaftsfremden, d. h. arbeitsscheuen liederlichen Landstreichern, Bettlern, Bummelanten, Querulanten, Homosexuellen und Kriminellen, lebensunwert.“

Bereits am 14. Juli 1935 wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen. Im Oktober 1935 folgte das „Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes“, an das sich eine Propaganda-Kampagne gegen das lebensunwerte Leben anschloss.

„Rettung des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“

Das Führervorhaben zur „Rettung des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ wurde in einer Vollmacht an den Reichsleiter Bouhler und den Mediziner Dr. Brandt im Jahr 1939 unmissverständlich formuliert. Demnach seien die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankenzustandes der Gnadentod gewährt werden kann. Schon ein Jahr zuvor hatte der Assistenzarzt Dr. Alfons Stegmann in Winnenden mit der Durchführung erbbiologischer Bestandsaufnahmen begonnen.

Zeitgleich mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, der 55 Millionen Menschen weltweit den Tod bringen sollte, setzte in Deutschland die massenweise Vernichtung von psychisch Kranken und Behinderten ein.

Schloss Grafeneck

Zuständig für die als „lebensunwürdig“ erachteten Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Winnental war das Schloss Grafeneck auf der Schwäbischen Alb.
Der damalige Anstaltsleiter, Dr. Otto Gutekunst (1935-1945), gab acht Jahre später beim Grafeneck-Prozess zu Protokoll, dass er eigenverantwortlich und teils erfolgreich Personen von den Listen gestrichen habe. Dennoch wurden 397 Patienten, die in seiner ärztlichen Obhut standen, im Rahmen der so genannten T4-Aktion in Grafeneck ermordet.

Wehrmachtslazarett

Aber auch bei den verbleibenden Patienten herrschten dramatische Verhältnisse: Im Frauenpavillon war ab 1939 das Wehrmachtslazarett untergebracht und die Patientinnen mussten in den Festsaal weichen. Viele der Ärzte und Pfleger mussten in den Krieg ziehen. Medikamente, Lebensmittel und Heizmaterial waren äußerst rar. Je Haus wurde nur ein Raum notdürftig beheizt.

Das letzte Kriegsjahr

Als Stuttgart 1944 verstärkter Bombardierung ausgesetzt war, zog die Gesundheitsabteilung des Innenministeriums Stuttgart in der Heilanstalt Winnental ein.

Im letzten Kriegsjahr wuchs das Leiden der Patienten ins Unermessliche. Zu den etwa 680 Patienten, die nicht mehr hinreichend versorgt werden konnten, mussten weitere 76 pflegebedürftige Personen aus dem zerstörten Dresden aufgenommen werden. 416 Patienten verstarben, überwiegend in den kalten Monaten. Erst langsam erholte sich das Land von den Kriegsfolgen und damit auch die Bedingungen für die Psychiatrie. Glücklich waren alle über den von der amerikanischen Militärregierung überlassenen LKW, der 1949 die Warentransporte wesentlich erleichterte.

Buch zum Thema

Buch zum Thema

60 Jahre Tübinger Grafeneck-Prozess
Betrachtungen aus historischer, juristischer, medizinethischer und publizistischer Perspektive
hrsg. von Jörg Kinzig und Thomas Stöckle

Dieses kleine Bändchen versammelt die Vorträge, die am 8. Juni 2009 auf Schloss Hohentübingen anlässlich eines Symposiums zum sogenannten Grafeneck-Prozess gehalten wurden, der auf den Tag genau vor 60 Jahren, im Jahr 1949, an derselben historischen Stätte begann. Vor dem Landgericht Tübingen hatten sich insgesamt acht Angeklagte wegen der Tötungen von 10.654 behinderten und psychisch kranken Menschen im Rahmen der sogenannten Euthanasieaktionen der Nationalsozialisten zu verantworten. Ort der Verbrechen war, zwischen Januar und Dezember 1940, das Schloss Grafeneck bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb, das kurz zuvor für „Zwecke des Reichs“ beschlagnahmt worden war.

72 Seiten, zahlr. Abbildungen und Karten
ISBN 978-3-931200-17-6 EUR 14,90

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