Gründung der "Königlichen Heilanstalt Winnenthal"

Heilung und Pflege statt Verwahrung

Hatte das Tollhaus in Ludwigsburg, 1746 als erste Württemberger Staats-Irrenanstalt gegründet, noch die Aufgabe, „Störer und Raser“ einzusperren, so startete die Heilanstalt Winnental am 1. März 1834 mit einem ganz anderen Anspruch. Das Medizinalkollegium Stuttgart gab hierzu genaue Vorgaben.

Beginn der Seelenheilkunde

Beginn der Seelenheilkunde

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden in ganz Europa die ersten großen Heil- und Pflegeanstalten. Diese waren auch der Ausdruck eines sich wandelnden Zeitgeistes. Für ein neues Bewusstsein, das Menschenrechtsfragen einschloss, hatte nicht zuletzt die Französische Revolution wichtige Impulse gegeben.
Auch die Entwicklung der Psychiatrie als medizinisches Fachgebiet schritt voran: 1803 hatte der Professor für Medizin und Stadtphysikus Johann Christian Reil (1759-1813) in Halle das erste psychiatrische Lehrbuch veröffentlicht: „Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen“. In diesem Werk wurde die Seelenheilkunde erstmals mit dem Begriff „Psychiatrie“ bezeichnet.
Der moralisierenden Auffassung von psychischen Erkrankungen, die bis dahin vorgeherrscht hatte, standen nun erstmals medizinisch-biologische Konzepte gegenüber.
Die Zeit der Quacksalberei und der folterähnlichen Methoden, mit denen der „Wahnsinn“ bei den Betroffenen bislang ausgetrieben“ werden sollte, neigte sich ihrem Ende zu.

In der neuen Anstalt, die mit zunächst 100 Betten ausgestattet war, sollte die Heilung von Geisteskranken gegenüber ihrer bloßen Verwahrung Vorrang haben. Damit knüpfte sie an den Auftrag der Münsterklinik in Zwiefalten an, die 1811 nach der Differenzierung der Insassen der Ludwigsburger Anstalt in Fälle für das Zucht-, Arbeits- und Waisenhaus entstanden war. Bald jedoch reichten die Kapazitäten dieser Pflegeanstalt nicht mehr aus. Mit der Bestellung des Obermedizinalrats Albert Zeller als Direktor der neuen Heilanstalt in Winnental war die ideale Besetzung für diese schwierige Aufgabe gefunden. Unter der Leitung des bei seinem Amtsantritt erst 27-jährigen Arztes von 1833 bis 1877 und seines Sohnes, Medizinalrat Dr. Ernst Zeller, von 1878 bis 1900, entwickelte sich Winnental zu einer angesehenen Anstalt mit berühmten Besuchern, die Psychiatrie prägende Ärzte und Patienten.

Die Heilanstalt Winnental als "Berühmtheit"

Die Heilanstalt Winnental als "Berühmtheit"

Das neue Konzept der Heilanstalt zog viele interessierte Besucher aus der ganzen Welt an. Das Gästebuch des ersten Ärztlichen Direktors zeigt dies auf:
Ärzte, Medizinalräte, Oberamtsärzte, Hofärzte aus Heidelberg, Schussenried, Schwenningen, Basel, Bern, Zürich, Tübingen, St. Gallen, York, Helsingfors (Finnland), Livland, Riga, Danzig, St. Louis Miss., Paris, Moskau, Worms, Detmold, Frankfurt, London, aus Holland, Ungarn, USA und Russland (Leibarzt seiner Königlichen Hoheit des Großfürsten Constantin von Russland Dr. Staatsrat von Haurowitz (7. Oktober 1846). Sogar Politiker: Staatsrat Dr. von Staka, St. Petersburg.

Neben den Ansatz einer Heilanstalt interessierte auch die bauliche Ausstattung der Klinik. Viele Anstalten waren in ehemaligen Klöstern, Schlössern oder Hospitälern untergebracht, die für die Erfordernisse einer Heilbehandlung umgebaut werden mussten.

Ärzte, die Psychiatriegeschichte schrieben

Ärzte, die Psychiatriegeschichte schrieben

Die württembergische Heilanstalt Winnental war unter ihrem ersten Direktor Albert Zeller von der Eröffnung am 1. März 1834 an jahrzehntelang ein Ort, zu dem Psychiater aus aller Welt pilgerten, um sich von dem ideenreichen Praktiker Zeller Rat und Anregung zu holen. Das Gästebuch der Anstalt legt davon beredtes Zeugnis ab. Selbstverständlich informierten sich auch die in Süddeutschland mit der Irrenpflege befassten Ärzte bei Zeller, wie

Wilhelm Griesinger, der Assistenzarzt des Tübinger Internisten Carl August Wunderlich gewesen war und 1845 sein bahnbrechendes psychiatrisches Lehrbuch veröffentlichte oder

Ludwig Binswanger, geboren 1820, der in München und Heidelberg Medizin studierte und 1845 in München zum Dr. med. promovierte. Er wurde 1847 als Griesingers Nachfolger Assistent in Tübingen.

Heinrich Kreuser gehört zu den Anstaltspsychiatern der Jahrhundertwende, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind.

Berühmte Patienten

Berühmte Patienten

Nikolaus Niembusch, alias Nikolaus Lenau, war von 22. Oktober 1844 bis 12.05.1847 in Winnenden als Patient. Der romantische Dichter wurde nach wiederholten Selbsttötungsversuchen mit starken seelischen Schwankungen und anderen qualvollen körperlichen Symptomen eingeliefert. Der Verleger Johann Georg von Cotta übernimmt die Bürgschaft für Lenaus Anstaltsaufenthalt (erste Versorgungsklasse). Justinus Kerner besuchte ihn mehrmals in Winnenden.
Aus heutiger Sicht war Lenau an einer progressive Paralye als eine syphilitische Spätfolge erkrankt. Nach seinem Aufenthalt in Winnenden lebte er noch fast sechs Jahre bis zu seinem Tode am 22. August 1850 in der Nähe von Wien.

Der Aufsatz "Nilkolaus Lenau in Winnental 1844-1847" von Harald Grieb ist zu lesen im Jubiläumsband 175 Jahre Heilanstalt Winnenden.

Robert Mayer, der Arzt aus Heilbronn (1814-1878)

Robert Mayer, geboren 1817 in Heilbronn, war Arzt und Naturwissenschaftler. Er ist heute außerhalb von Fachkreisen nur wenigen bekannt. Er war der Entdecker des Ersten Hauptsatzes der Wärmelehre, welcher besagt, dass bei der Umwandlung einer beliebigen Energieform in eine andere die Summe der involvierten Energien konstant bleibt. Er berechnete als Erster das mechanische Wärmeäquivelent.
Da Mayer kein Physiker sondern Stadt- und Wundarzt in Heilbronn war, musste er zeitlebens um die Anerkennung seiner Entdeckung kämpfen.
Anfang 1850 trat bei Mayer ein schwer melancholischer Anfall mit religiösen Schuldgedanken und dämonischen Ausdeutungen auf. Während dieser Psychose stürzte er sich aus dem Fenster des zweiten Stocks seines Hauses. Nach seiner körperlichen Heilung gab es immer wieder Rückfälle. Er hatte Tobsuchtsanfälle und musste oft mit Zwangsjacke ruhiggestellt werden. Im September 1853 wurde er nach einjähriger Behandlungszeit entlassen. Seine Erregungszustände wurden mit den Jahren immer seltener. Er starb am 21. März 1878 an den Folgen einer chronischen Tuberkulose.

Dokumente aus dieser Zeit:

  • Aufnahmebedingungen 1894
  • Hausordnung für die Heilanstalt 1902
  • Vorschrift für Dauerbäder 1906
  • Dienstvorschrift Oberwärter